TAG MAPcontentquery
LOG

MAP BROWSING HISTORY

MAP LEGEND

CONTENT TYPES
Texts Videos Images Authors Projects
TAG TYPES
General Tags Technologies Authors Places Names
SPECIAL TYPES
Root Topics

Die Macht der Klassifizierung. Abgründe des Wissens an den Klippen der Ordnung

Wie stehen Dinge in Zusammenhang? Was ist das Wesentliche an einem Gegenstand in Bezug auf einen anderen? Wie stehen subjektive Bedeutung und generalisierte oder objektivierte Sinnzuschreibung in Wechselbeziehung zueinander? Was bedeutet dies für unsere Selbstwahrnehmung – und wie wir zu Anderen stehen? Was ist Bedeutung und wie entsteht sie?

Wie stehen Dinge in Zusammenhang? Was ist das Wesentliche an einem Gegenstand in Bezug auf einen anderen? Wie stehen subjektive Bedeutung und generalisierte oder objektivierte Sinnzuschreibung in Wechselbeziehung zueinander? Was bedeutet dies für unsere Selbstwahrnehmung – und wie wir zu Anderen stehen? Was ist Bedeutung und wie entsteht sie? Über solche Fragen rätseln Menschen schon immer. Im Zeitalter digitaler Information, von Mensch/Maschine- Schnittstellen und Daten-Robotern, die sich selbständig in den Weiten des elektronischen Datenraums bewegen, gewinnen sie an Relevanz. Proteus, eine frühe Meeresgottheit der griechischen Mythologie, kann die Zukunft voraussagen. Aber sie antwortet nur, wenn es gelingt, sie einzufangen. Und sie verändert stets ihre Form, um das zu verhindern. In einer Zeit der Informationsexplosion reicht es nicht, dass Daten nützlich sind, sondern sie müssen vor allem auch auffindbar und zugänglich sein. Auch wenn es sehr schwierig sein kann, die Differenz zwischen ähnlichen und unähnlichen Objekten zu definieren, so ist dies für Abstraktionen und Ideen noch erheblich schwieriger. Gleichzeitig ist die Suche nach Informationen nicht etwa das Gegenteil davon, sie zu verlieren, sondern die aktive Bemühung, Zusammenhänge in Systemen von Bedeutung zu erschließen. Suche ist ein Akt der Vorstellungskraft, wo sich Ergebnisse in die Zukunft einschreiben.

Drachen des Chaos und soziale Fiktionen

Frühe Kulturen hatten das Konzept eines Ozeans der Information und einer Seeschlange, die in den dunklen Tiefen haust. In der „schwarz geflügelten Nacht“ des „Drachen des Chaos“, der „großen und finsteren Leere“ von Tiamat, aus deren zerstückeltem Körper der Kosmos geboren und die Welt geformt wurde. Diese dämonischen Kreaturen spiegeln Ängste in Bezug auf die Abgründe chaotischer und unstrukturierter Information wider, unberührt von den logozentrischen Strahlen solarer Gottheiten und dem Licht der Vernunft. Auf einem unüberschaubaren Meer des Wissens treibend, wurde Navigation zur Wurzel moderner Wissenschaften. Kybernos, der Steuermann der seefahrenden alten Griechen, manövrierte die nautischen Routen mit Hilfe heller Gestirne und verlieh der Kybernetik den Namen. Diese Wissenschaft der Steuerung und des Feedbacks, deren erste Anwendungen im Bereich der ballistischen Kursberechnung waren, stand am Anfang vieler heutiger IKT-Anwendungen. Oft verraten die Versuche, intelligente Karten der Welt herzustellen, mehr über die Autoren dieser Karten, als über das Gebiet, das sie beschreiben. Im Kartographieren konzeptioneller Räume des Wissens ist Klassifizierung notwendig. Aber vielfach werden transiente soziale Fiktionen mit realen und physisch unveränderbaren Gegebenheiten verwechselt. Insbesondere in Bezug auf Rasse, Geschlecht und soziale Institutionen geschieht dies immer wieder aufs Neue. Aber auch in allen anderen Bereichen, wo es ein ureigenes Interesse an der Herstellung von Realitäten gibt.

Selbsterfüllende Voodoo-Kategorien

Namen bieten Vorteile für jene, die sie kennen. Sie ermöglichen es beispielsweise, jemanden zu rufen oder etwas zu beschwören und durch einen Namen Einfluss auszuüben. Schon immer gab es eine intime Beziehung zwischen Wissen und Machtausübung; die Möglichkeit der Einflussnahme liegt auch in der Autorität, etwas benennen zu können. Problemlösung beinhaltet einen Prozess der Benennung von Fragen und Gegenständen, der den Rahmen der Auseinandersetzung mit ihnen bestimmt. Das Ordnen der Bezeichnungsklassen und die Hierarchien der Benennungen sind nicht nur eine praktische oder strukturwissenschaftliche, sondern vor allem auch eine religiöse Angelegenheit. Kategorisierung ist eine Art kognitives Voodoo. Der tief verwurzelte Glaube an eine von der Bannkraft der Namen verzauberte Welt, wo das Universum durch Benennung und Ordnung beeinflusst wird. Das dürfte in gewisser Weise auch zutreffen. Glücklicherweise ist die Schaffung konzeptioneller ideologischer Felder zur Produktion gemeinsamer Weltanschauungen doch etwas komplex. Zauberkünstler der Klassifizierung, die der Welt ihren Willen aufzuzwingen versuchen, können die Wirkungskräfte in den Köpfen anderer leicht unterschätzen. Sie werden Opfer eines Wunschdenkens in Bezug auf das Ausmaß der Übereinstimmung, das erreicht werden kann. Erfreulicher Weise ist die Welt zunächst nicht notwendig Kategorisierungs- Voodoo-kompatibel. In einer Welt, in der Forschung ein kontinuierlicher Prozess sich wandelnder Definitionen in einem konstanten Drift des Verstehens ist, sind starre Standardisierungen nur selten. Es ist eine feinmaschige Realität dynamischer Zusammenhänge und unerwarteter Perspektivverschiebungen mit stets wechselnden Einflüssen und Machtverhältnissen. Zustimmung zu einem Standard bedarf einer Vereinbarung, die es nicht geben kann, wo keine Übereinstimmung vorhanden ist. Dennoch wird „wissenschaftliche“ Klassifizierung von Experten dazu verwendet, um eine Agenda zu setzen und Realitäten zu schaffen, die in sich selbst ein effektives Mittel einer spezifischen Auslegung der Wirklichkeit sind. Katalogisierungssysteme sind schwerlich Entdeckungen einer echten „natürlichen Ordnung“, sondern das Resultat von Autorenschaft, wo ein Zweck nicht gegeben, sondern gewählt ist. Kategorisierung eines Wissensgebiets dokumentiert nicht notwendigerweise reale Bedingungen, sondern produziert Wissen in einer bestimmten Interpretation der Wahrnehmung. Klassifizierungssysteme sind notorisch aus der Spur, aber für das Spiel selbsterfüllender Projektion ideologischer Machtausübung gut geeignet.

All the Print that Fits, or Not

Waren das Strukturieren und Ordnen von Wissen für das Auffinden von Informationen nicht erst seit der Bibliothek von Alexandria elementar, so ist das Konzept des Sortierens nach Autoren in alphabetischer Reihenfolge ein wesentlich neuerer Trend. Heute gebräuchliche Bibliothekssysteme konservieren die Weltanschauungen eines Herrn Dewey aus dem 19. Jahrhundert mitsamt seinem stark eingeschränkten Verständnis der Wirklichkeit jenseits einer weißen, protestantischen US-Mittelschicht. Der Erfinder des Dezimal-Klassifikationssystems für Bücher begeisterte sich für die Metapher einer Armee zur Wiederherstellung von Recht und Ordnung in einem chaotischen Mob von Informationen und wollte Ideen in die hierarchische Struktur eines militärischen Organisationsdiagramms zwingen. Melvyl Deweys zweifelhafte Vorstellungen über die Beschaffenheit der Welt 1876 zeigen sich, wenn er beispielsweise alle Nicht- Christen in eine einzige Kategorie warf, und zwar in die allerletzte in sämtlichen Kategorien über Religion. Verfasser des sowjetischen Bibliothek-Katalogsystems produzierten ähnlich starke ideologische Aussagen über die Welt, mit der Top- Kategorie „Werke der klassischen Autoren des Marxismus-Leninismus“. Hier zeigt sich das Problem, Katalogsysteme miteinander zu verbinden, oder Klassifizierungssysteme aneinander anzupassen – sie alle zeichnen ein anderes Universum. Die US Library of Congress musste ein Etikett „ehemalig“ auf ihre Kategorie Sowjetunion applizieren und führt Zwergstaaten wie „Österreich“ oder die „Schweiz“ noch auf der gleichen Prioritätsebene wie ganz Afrika oder Asien. Diese Verzerrungseffekte von Realität und Bedeutung wurzeln auch in der Notwendigkeit, physische Objekte wie Bücher oder Atlanten auf Regalen zu stapeln. Wenn die Software der Klassifizierungskonzepte mit der Hardware des physisch Greifbaren zusammenkommt, und Immaterielles mit Materiellem wechselwirkt, kann dies zu unerwarteten Ergebnissen führen. Traditionelle Kategorisierungssysteme können im Vergleich mit intelligenten automatischen Such- und Indizierungstechnologien bei der Suche in großen digitalen Ressourcen nicht mithalten. Der Versuch der elektronischen Aufbereitung von Informationen und Ressourcen kann durch überkommene Gewohnheiten und veraltete Strategien aus vorangegangenen Ansätzen der Strukturierung von Wissen sehr unzureichend ausfallen. Digitale Information braucht kein Regal, und es stellt sich die Frage, inwieweit vordefinierte Kategorisierung überhaupt eine gute Idee ist. Ein Hauptgrund für den Erfolg von Google war das Fehlen virtueller Regale, von im Voraus konstruierten und immer auch eigenartigen Dateistrukturen. Aber bei Regalflächen, auch wenn sie den Wissensraum seltsam verzerren, ist zumindest einfach zu sehen, ob sie voll oder leer sind.

Mentalistische Kataloge und Glückskekse

Professionelle Kategorisierungsexperten bemühen sich, das Kontextabhängige und Temporäre um jeden Preis zu meiden, und enden doch immer mittendrin. Bei der Durchsetzung von Recht und Ordnung in der Informationssphäre scheinen manche Kategorisierungskämpfer das transiente Wesen von Wirklichkeit und die vielschichtige Modulation von Bedeutung zu übersehen. Fast zwangsläufig dominieren eigene Interessen und Anforderungen der Katalogproduzenten über objektivere Bedürfnisse von Navigation in komplexen Welten. Sie züchten kognitive Verwaltungstechnologien, die kulturelle und subjektive Vieldeutigkeit und das Schillern kontextabhängiger Aussagen nicht erkennen. Vorstellungen einer objektiven Ordnung des abstrakten Raums entstehen auf Grundlage religiöser Ideen von makelloser Reinheit. Solche Illusionen werden von gefährlichen Ideologien kybernetischer Kontrolle genährt und vom Glauben, dass die manifeste Welt auf einen einzigen Standpunkt zu reduzieren wäre.

Sprache ist eine komplexe, zeitliche und räumliche Dynamik von Zeichen und Darstellung in Bezug auf die Benennung von Objekten. In der allgemeinen Linguistik gibt es keine eindeutig schlüssigen Begriffe, nur Unterschiede. Jene, die an Kategorisierung und dem Aufbau einer Ontologie von Klassifizierungssystemen arbeiten, die gleichzeitig auch eine stabile Fortführung über längere Zeiträume ermöglichen soll, müssen die Welt im Voraus planen. Dinge im Voraus zu benennen, heißt, die Zukunft vorhersehen zu können, eine magische Praxis von Orakeln und spiritistischen Medien. Andererseits sind die Fußangeln der Kategorisierung genau das, was Mentalisten und Cold Reader für illusionistische Bühnenshows nutzen. Die Bestandsqualität eines organisatorischen Schemas verschlechtert sich aber sowohl mit Umfang als auch Dauer, und die Kosten einer starken Zentralverwaltung werden bei großen Mengen bald unerschwinglich. Auch wenn Nachfrage-gesteuerte Systeme wie Google den Vorteil haben, keine Vorabprognosen und Projektionen von dem, was gebraucht wird, haben zu müssen, bleiben Skalierung und Größenordnung eine technische Herausforderung.

Moderne Geisterlogik

In komplexen IT-Systemen müssen Maschinen nicht nur mit Menschen interagieren, sondern auch miteinander kommunizieren. Aber was reden sie hinter unserem Rücken? Semantische Computernetze basieren auf Ontologien und einer Logik erster Ordnung, die logische Schlussfolgerung auf einfache Regeln reduziert. Syllogismen sind eine Form logischer Argumente, die Aristoteles als „… Argument, in welchem sich, wenn etwas gesetzt wurde, etwas anderes als das Gesetzte mit Notwendigkeit durch das Gesetzte ergibt“ beschreibt. Das klassische Beispiel ist: „Alle Menschen sind sterblich. Alle Griechen sind Menschen. Deshalb sind alle Griechen sterblich.“ Diese Form kartesischer Logik klingt nicht nur steif und technisch, sondern führt in seiner absurden Absolutheit zu widersinnigen Ergebnissen. Clay Shirky gibt das folgende Beispiel: Wenn Graf Dracula ein Vampir ist + Graf Dracula in Siebenbürgen lebt + Siebenbürgen eine Region von Rumänien ist + Vampire nicht real sind, dann ist die einzige logische Folgerung aus dieser Reihe von Erklärungen, dass Rumänien gar nicht existiert. Manchmal liegt das Logische näher am Lächerlichen, als es den Anschein hat. Computer sind an Syllogismen perfekt angepasst, aber die Welt kann nicht auf eindeutige Aussagen reduziert werden, die sich problemlos kombinieren lassen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts propagierte Sherlock Holmes die Idee, dass herausragend kluge Personen zu unvermeidbaren Schlüssen gelangen, indem sie vorangehende Tatsachen verknüpfen. „Wenn man das Unmögliche eliminiert, muss das, was bleibt, egal wie unwahrscheinlich es ist, die Wahrheit sein.“ Holmes’ Erfinder Arthur Conan Doyle popularisierte nicht nur den Wert deduktiver Beweisführung, sondern war auch ein Fan der Feen-Fotografie sowie der Kommunikation mit Geistern und Gespensterwesen. Doyle war begeisterter Anhänger eines Spiritualismus des späten 19. Jahrhunderts, einer komplexen sozio-kulturellen Anpassung an den Fortschritt in Wissenschaft und Technik zu Beginn der Moderne. Als das Rationale und das Irrationale bei Entstehung von Massengesellschaften aufeinander trafen. Der Pseudo-Rationalismus Kokain-beflügelter logischer Schlussfolgerung kann als hysterische Reaktion auf eine ambivalente Welt libidinösen Ektoplasmas und einer Explosion von Dingen aus industrieller Massenproduktion verstanden werden. Bilder einer vereinfachten Welt simpler Gesetzmäßigkeiten zu zeichnen, ist tröstlich und beruhigend. Leider ist die enervierte Realität des Alltags – von Urzeiten bis hin zu High-Tech-Gesellschaften urbaner Angst – vor allem von unvollständiger, unschlüssiger, unsicherer und kontextabhängiger Information geprägt. Computergestütztes Verknüpfen logischer Argumente funktioniert vor allem in Bereichen wie Index-Tabellen, wo Automatisierung nützlich und wirksam ist. Menschen verarbeiten Information auf der Grundlage von „Gefühlen“, einfacher Heuristik, Intuition, Paranoia oder wilder Spekulation und sind durch Druck und Dynamik ihrer unmittelbaren Umgebung beeinflusst. Sie verlassen sich auf Nachahmung, Tradition, Wiederholung und anderes – jedoch nur selten auf syllogistische Begründung oder Deduktion.

Träumen Ideen von elektrischen Schafen?

Das Verständnis des Begriffs Ontologie in seinem philosophischen Ursprungszusammenhang ist die Erforschung von Entitäten und ihren Beziehungen in einer Systematik der Grundmerkmale des Seienden. Diese Tradition beschäftigt sich weniger mit dem Möglichen, sondern mit dem „Was existiert?“ Der Gegenstand der Untersuchung ist nicht auf ein Handeln, sondern auf Verständniserweiterung ausgerichtet. Ideen einer „natürlichen“ Klassifikation verraten essentialistische Vorstellungen unter einem erkenntnistheoretischen Deckmantel. Die Disziplin der Ontologie, bei der es darum geht, eindeutige und explizite Aussagen zu treffen, besitzt allerdings selbst eine Mehrzahl von Definitionen. Computerwissenschaften haben den Begriff „Ontologie“ aufgegriffen, um es für das Problem der maschinenbearbeitbaren Information und als Spezifizierung von Konzepten im digitalen Wissensmanagement anzuwenden. Die Organisation einer Sammlung von Elementen, Dingen oder Konzepten in verwandte Gruppen und hierarchische Bäume basiert auf solcher Kategorisierung und Klassifizierung, aber ontologische Auswirkungen können durchaus problematisch sein. Philosophen bezichtigen einander gerne wechselseitig der Kategoriefehler, semantischer und ontologischer Fehler. Beispielsweise wenn in „farblose grüne Ideen schlafen wütend“ Dingen Eigenschaften zugeschrieben werden, die diese gar nicht haben können. Ebenso gilt es als Fehler, den menschlichen Geist als Objekt einer immateriellen Substanz zu konzeptualisieren, wenn es für ein dynamisches Set von Dispositionen und Fähigkeiten sinnlos ist. Tatsächlich gibt es aber leider keine Einigung darüber, wie Kategoriefehler zu identifizieren sind. Ontologie verlangt nach Domänen mit einer zentralen und legitimierten Autorität, einem stabilen, klar abgegrenzten Korpus und limitierten, für formale Kategorien geeigneten Elementen. Strikt formalisierte Paragraphen juristischer Systeme sind ein Beispiel. Es erfordert Beschränkung auf Teilnehmer qualifizierter Katalogbearbeiter, ein hohes Maß an Expertise und Koordinierung sowie verbindliche Referenzquellen zur Entscheidungsfindung. Geschlossene ontologische Gliederungen sind typisch für religiös-hierarchische Systeme. Nicht nur psychotische Persönlichkeiten versuchen, durch endlose und bizarre Listen oder byzantinische Klassifizierungssysteme privater Kosmologien Ordnung in die Welt zu bringen. Sie sind auch die Basis einer kritischen psychologischen Disziplin kontrollierter Paranoia. Analytische Methoden einer kabbalistisch geistigen Gymnastik stehen in einer langen Tradition von experimentell induziertem Interpretationsdelirium und künstlich erzeugtem Beziehungswahn. Dies umfasst Techniken des kathartischen Kategoriebruchs durch Paradoxien und den Zerfall illusorischer Identifikation in perplexen Zen-Rätseln.

Blinde Taxonomien und die Ordnung der Imagination

Mnemonische Hilfsmittel und Eselsbrücken funktionieren nicht, weil sie objektiv sind, ganz im Gegenteil. Die alte Kunst der Ars Memoria verwendet eine narrative Strukturierung der Vorstellungskraft und nutzt eine visuelle Verankerung von Information in der Geometrie des Denkens. Typologien und Taxonomien sind nicht richtig oder falsch, sondern Werkzeuge der Gestaltung, die eine Stabilität von Untersuchungen über eine gemeinsame Realität ermöglichen. Jenseits von Geek-Träumen einer allumfassenden Ontologie ist den meisten Protagonisten des semantischen Web bewusst, dass der Aufbau einer taxonomischen Topdown- Ontologie, die alles für alle beschreibt, keine Option ist. Diese Forschung soll lokalen Gemeinschaften eine eigene Ontologie ihres Interessengebiets ermöglichen und nicht die Durchsetzung einer autoritären Neuen Weltordnung. Aber die Verdinglichung von Typologien ist nicht ungewöhnlich. Und Taxonomien in dem naiven Glauben zu bauen, dass sie die hierarchische Struktur der Wirklichkeit abbilden, kann schwerlich als erleuchtet angesehen werden. In der realen Welt unzähliger ausufernder Bereiche, die sich auf vielfältige Weise überschneiden, instabil sind und ohne klare Grenzen, ist ontologische Strukturierung für einen breiten Zugang von Nichtexperten wenig funktionell. Das gewünschte Maß an Kohärenz in einer normativen Klassifikationsstruktur beeinflusst das Gleichgewicht zwischen Komplexität, Vereinfachung und Menge. Entweder breite Zustimmung einer engen Bandbreite von Benutzern, oder leichte Übereinstimmung großer Gruppen.

Stereotypen und die Ausbeutung der Subjektivität

Distribuierte Anwendung von Tags in flachen Hierarchien ermöglicht es, große Mengen spezifischen Wissens zu integrieren, die den Organisationswert mit der Masse und Zeitdauer erhöhen. Aber kollaboratives Tagging kann Ansichten, Vorlieben, Voreingenommenheit und Affinitäten unverhältnismäßig verstärken. Betriebsblindheit, begeisterte Faibles, tribalistische Modeerscheinungen, Mob- Attitüden und stereotype Vorurteile können eine starke Dynamik der thematischen Verzerrungen auf Grundlage zweifelhafter Urteilskraft auslösen. Soweit Kennzeichnung durch Tags transparent bleibt, ermöglicht es jedoch individuelle, widersprüchliche oder gar ketzerische Standpunkte, ohne sie in die Zwangsjacke temporärer Mainstream-Meinung zwingen zu müssen. Es schafft Raum für statistische Verteilungen, in denen seltene Ereignisse zusammen oft die Mehrheit bilden. Dass der lange Ausläufer von Ereignisstatistiken mit geringerer Häufigkeit die Zahl von Interaktionen mit hoher Beliebtheit im Gesamtvolumen oft übersteigt, wird von zahlreichen Internet-Geschäftsmodellen genützt. Diese Erweiterung in Richtung des Ungewöhnlichen und Entlegenen, ein Ablösen von einer Nachfragespitze breitenwirksamer Kassenschlager, hat die Programmierung von Medien sicherlich etwas intelligenter gemacht. Außerdem trägt es zur kommerziellen Ausbeutung kultureller Nischenmärkte bei und markiert den Übergang von traditionellen Disziplinierungsmodi vorkonfigurierter Kategorien hin zu neuen Kontrollgesellschaften. Von pädagogischer Indoktrination zur fließenden Ausbeutung kognitiver Resonanz und Reaktionsmuster demographischen Wahrnehmungsmanagements. So genannte Web 2.0-Schnittstellen ermöglichen Subjektivität als Handelsware, soziale Netze auszubeuten und zurück an die Nutzer zu lizenzieren.

Digitale Augen und die verborgenen Götter

„Die perfekte Suchmaschine wäre wie der Geist Gottes“, sagt Google-Mitbegründer Sergey Brin. Dementsprechend zielen digitale Suchmaschinen auf maximale Reichweite und vollkommene Abrufmöglichkeit. Am Anfang ist ein Suchwort, aber Google will nicht nur alles Wissen der Welt indizieren, sondern „genau verstehen, was du meinst“. Aber ohne Nutzer kein Geist Gottes. Google ist zum Mainstream-Orakel der Wahl geworden, wo die Zeitgeistabfragewellen an den Klippen verdichteter Identitäten brechen. In einer Studie des „Center for the Digital Future“ an der University of Southern California glaubte die Mehrheit zuletzt, dass „die meisten oder alle Informationen von Suchmaschinen zuverlässig und richtig“ sind. Immer mehr Menschen nutzen Online-Ressourcen anstelle traditioneller Print-Zeitung zum Verfolgen täglicher Nachrichten. Deren Rangfolge, inhärente Ordnung und das zugrunde liegende Bewertungs- und Organisationssystem von Informationen beeinflussen die Formung von Weltbildern. Vorstellungswelten sind geprägt von den Informationen, die wir konsumieren, und dies bestimmt wiederum, wie wir suchen. Google News ist ein klassisches Beispiel für die Aggregation von Online-Nachrichten. So wie Googles Indizierungsverfahren und Logik der Reihung zu Ausgrenzungen führen, kann sein News Service nur schwerlich einen Pluralismus von Standpunkten glaubhaft machen. Auf der Grundlage eines verborgenen, aber verzerrten Mechanismus der Klassifizierung fehlen Suchergebnissen breite Einbeziehung und Fairness. Die Indizierungs- und Bewertungsmethoden sind Geschäftsgeheimnisse. Wenn alternative Information plötzlich aus Suchergebnissen verschwindet, gibt es keine Möglichkeit, die Ursachen dafür herauszufinden. Ein System, in dem alle dezentralen Benutzer durch weitreichende Data-Mining Verfahren und Motivforschung gegenüber dem undurchdringlichen zentralen Kern, der verborgenen Gottheit, transparent werden. Obwohl Unternehmensserver oftmals auf Open-Source Software laufen, bleibt politischer oder wirtschaftlicher Einfluss verborgen. In Bezug auf Zensur und Manipulation sind die wichtigsten Anbieter von Informationstechnologie niemandem Rechenschaft schuldig. In einer Zeit, in der Zugang zu Information von wenigen Unternehmen kontrolliert wird, zählt dies zu den problematischsten Aspekten von Suchmaschinen.

Spielplatz für Phantome

Digitale Suchtechnologien und Data Mining werden von nachrichtendienstlichen Staats- oder Wirtschaftsagenturen stark nachgefragt. Es handelt sich um unverzichtbare Technologien in Sicherheitsoperationen, Risikomanagement und für Command, Control, Communications, Computing und Intelligence (C4I) Systeme. Geheimdienste nehmen Einfluss auf einschlägige Wirtschaftsunternehmen. Technologien, die für humanitäre Ziele oder Rettungs-Missionen eingesetzt werden können, aber auch in einem asymmetrischen „Digitalen Krieg gegen den Terror“, in dem sich Informations-Sortier- und Retrieval Anwendungen in virtuelle oder physische Search-and-Destroy Missionen verwandeln, genutzt werden. An den Kreuzungspunkten von Suchtechnologien spuken Informationsparanoia und Datenpanik. Ein Spielplatz der Total Information Awareness-Offiziere und ihr panoptisches Auge der Vorsehung, wo Suchmaschinen zu Augen und Ohren massiver Überwachung persönlicher Datenflüsse in digitalen Netzen werden. Jegliche Freiheit, sich unbeaufsichtigt sozial, kulturell oder intellektuell zu engagieren, und die persönliche Autonomie verschwinden aus dem Blickfeld.

Data-Mining und Information-Retrieval-Anwendungen werden im Rahmen von äußerst kostspieligen Software-Suiten entwickelt, die sich außerhalb der Möglichkeiten von zivilgesellschaftlichen Organisationen, unabhängigen Forschern oder kritischen Initiativen befinden. Von denjenigen, die es sich leisten können, werden leistungsstarke Anwendungen als Waffe eingesetzt und nicht als Werkzeug öffentlichen Interesses im Dienst der Allgemeinheit. Weiterentwicklungen semantischer Technologie ermöglicht es, einzelne Personen zu erkennen, zu verstehen und ohne ihr Wissen oder Bewusstsein zu manipulieren. Im Namen der Vielfalt sind zugängliche und transparente Anwendungen erforderlich, und die Verschlüsselung offener Geheimnisse muss offen bleiben. Ein dynamisches System der heterogenen Vielfalt, einschließlich P2P-Schnittstellen und Open- Source Suchstrategien, persönliche Informations-Crawler und anonyme Searchengines, sowie dezentrale Cluster-Architekturen ohne zentrale Server. Werkzeuge kultureller Intelligenzproduktion müssen in den Händen Vieler sein und nicht das Privileg Weniger. Ein freier Markt konkurrierender Ideen benötigt den Zugriff auf computerunterstützte Analyse. Demokratische Sinngebungsvielfalt erfordert breite Zugänglichkeit von automatisierten Informationsprozessen.

Wahrnehmungsergänzte Cyborgs

Zahlreiche Experten in Bereichen wie Bio-Kybernetik und den kognitiven Wissenschaften sehen die Zukunft der Informationsverarbeitung in einer stärkeren Mensch-Computer-Einbindung. Human-System-Integration ist ein Schlagwort für neue Mensch/Maschine-Schnittstellen zur Entscheidungsfindung und beschleunigten Informationsaufbereitung mit erweiterter Suchtiefe. Augmented Cognition, computerunterstützte Wahrnehmungsergänzung, überwindet menschliche kognitive Einschränkungen durch adaptive Berechnung. Adaptive Benutzerschnittstellen verwenden Sensoren zur Ermittlung von Nutzerzuständen und Inferenz- und Klassifikations-Module, um eingehende Informationen zu bewerten. Es handelt sich um Rechensysteme, die sich kontinuierlich an Nutzer anpassen und durch Sensoren, Rückschlüsse und Lernverhalten für die jeweiligen Kontexte und Ziele relevante Trendmuster und Situationen erkennen. Weg vom statisch linearen Text der elektronischen Schreibmaschine in Richtung fortgeschrittener statistischer Analysen, Data-Mining und erweiterter Mustererkennung. Der Kampfjet-Pilot ist zurzeit das prototypische Beispiel des Cyborg. Aber nicht nur Piloten, sondern auch Informationsarbeiter auf dem Boden müssen aus großen Datenmengen in kürzester Zeit relevante Informationen filtern und danach handeln. Logisch, dass DARPA ein führender Player einer Technologie ist, die die Zukunft der Kriegsführung und Informationsdominanz formt. Es heißt, dass jede ausreichend fortgeschrittene Technologie von Magie ununterscheidbar ist. Ohne breites praktisches Verständnis bleiben diese Technologien sicherlich schwarze Kunst, die Arkana leistungsstarker, hoch finanzierter Labors zur Beeinflussung der informationellen Landschaft.

Eingebettete Informationspolitik

Technologien der Wahrnehmung abseits futuristischer Anwendungen und rechnerischer Komplexität sind Ausdruck politischer Philosophie, maskiert als neutraler Code. Kognitive Werkzeuge, bewusst entwickelt, um Ergebnisse in einem begrenzten Bezugsrahmen zu liefern, oder naive Mechanismen bestimmter Ideologien, sind immer politisch. Auch in alltäglicher Routine eingebettete kleine Dienstprogramme färben, formen oder verbiegen auf subtile Weise unsere Wahrnehmung und weben kognitive Fäden in das Gewebe der Wirklichkeit. Klassifizierung ist nicht nur Informationswerkzeug, sondern auch grundlegender Bestandteil der laufenden Konstruktion eines Arbeitskontexts und damit verbundener Prozesse und dynamischer Mechanismen. Logik von Alltagssprache und politischer Rhetorik entwickelt sich vielfach aus einer Hierarchie semantischer Objekte, die als „natürlich“ und gottgegeben dargestellt wird. In der täglichen Realität der Informationsüberflutung gilt es, sowohl Willkür als auch Absicht zu erkennen – und dass die davon abgeleitete Hierarchien keine Wunder der Natur sind. Es steht nicht weniger als die informationelle Konstitution von Gesellschaften und ihrer Institutionen auf dem Spiel. Kulturelle Intelligenz ist der rote Faden im heterogenen Feld der Forschung und der Ausbildung angewandter Wissenschaften an den Fundamenten demokratischer Öffentlichkeit.

Content type
text
Projects Deep Search. Politik des Suchens jenseits von Google
Deep Search
World-Information Institute
Date 2009

Tags

behavioral targeting Kontrolle Überwachung Motivforschung augmented cognition Stereotypen Systematisierung information retrieval Klassifizierung Kategorisierung Kartographie data mining dataveillance Taxonomie Ontologie Skalierung Melvil(le) Dewey
No query in this session yet. Please use the tag map to the left to get a listing of related items.