TAG MAPcontentquery
LOG

MAP BROWSING HISTORY

MAP LEGEND

CONTENT TYPES
Texts Videos Images Authors Projects
TAG TYPES
General Tags Technologies Authors Places Names
SPECIAL TYPES
Root Topics

Interview mit Andreas Broeckmann

Andreas Broeckmann ist Kunstwissenschafter und Gründungsdirektor des Dortmunder U – Zentrum für Kunst und Kreativität. Von 2000-2007 war er Künstlerischer Leiter der „transmediale – Festival für Kunst und digitale Kultur“ in Berlin und von 2005 bis 2007 Künstlerischer Ko-Leiter des Berliner Medienkunstlabors TESLA. Von 1995 bis 2000 arbeitete er für das Rotterdamer Institut für die instabilen Medien – V2_Organisatie, wo er u. a. für den Aufbau des „European Cultural Backbone“ verantwortlich zeichnete.

Andreas Broeckmann ist Kunstwissenschafter und Gründungsdirektor des Dortmunder U – Zentrum für Kunst und Kreativität. Von 2000-2007 war er Künstlerischer Leiter der „transmediale – Festival für Kunst und digitale Kultur“ in Berlin und von 2005 bis 2007 Künstlerischer Ko-Leiter des Berliner Medienkunstlabors TESLA. Von 1995 bis 2000 arbeitete er für das Rotterdamer Institut für die instabilen Medien – V2_Organisatie, wo er u. a. für den Aufbau des „European Cultural Backbone“ verantwortlich zeichnete.

Welche Rolle spielte der „European Cultural Backbone“ (ECB) für die Entwicklung radikaler Netzkulturen in den 1990er Jahren? Weshalb ist er letztlich gescheitert?
Andreas Broeckmann:
Der ECB war zwar theoretisch eine Allianz von Institutionen, diese Institutionen waren aber eher klein – und diejenigen, die dann aus diesen Institutionen heraus den ECB aufgebaut und mit Leben gefüllt haben, das waren wirklich Einzelpersonen, die irgendwann an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen sind. Es ist ganz normal, dass aus dem Enthusiasmus, aus dem Moment heraus irgendwelche Sachen entstehen, und einige Projekte überleben dann und andere eben nicht. Auf der einen Seite waren die Institutionen wohl einfach zu schwach, um ein Konsortium auf europäischer Ebene tatsächlich langfristig tragen zu können. Andererseits waren die Probleme, die innerhalb des ECB besprochen wurden, oftmals sehr stark lokal begründet. Das heißt, sie waren auf europäischer Ebene gar nicht zu lösen und sind es meiner Meinung nach bis heute nicht. Ich glaube nicht, dass man im kulturellen Sektor über den Informationsaustausch, über die gemeinsame Reflexion, über gelegentlich stattfindende politische Initiativen, mit denen Themen gesetzt werden, um aus der Europäisierung der Debatte regional wieder Profit schlagen zu können, hinauskommt. Diese europäische Dimension funktioniert meiner persönlichen Meinung nach nur auf einer symbolischen Ebene – ich beziehe mich hier auf den Bereich der kulturellen Praxis, der nach wie vor stark regional und lokal verwurzelt ist. Der ECB ist letztlich auch am bestehenden System der europäischen Kulturförderung gescheitert, von dem wir gedacht hatten, dass wir es irgendwie knacken können. Weil wir aber bei Kunst und Kultur geblieben und nicht in die Industrie gewechselt sind – was wir da an künstlerischer und medienkritischer Arbeit gemacht haben, hatte ja mit Kreativwirtschaft nur wenig zu tun –, sind wir wohl auch an die entsprechenden Gelder nicht herangekommen.

Nun lässt sich gerade an einem Beispiel wie dem ECB zeigen, dass sich vieles in den 1990er Jahren im Rahmen einer klassischen Vernetzungsarbeit abgespielt hat. Es wurden Vereine gegründet, und nicht zuletzt wurde die Nähe zu Politik und Verwaltung gesucht. Würdest Du aus heutiger Sicht sagen, dass diese Institutionalisierungsstrategie mit ein Grund für das Scheitern dieser Initiativen war?
Andreas Broeckmann:
Diese Strategien sind dadurch begründet, dass viele der Leute, die damals in diese Institutionalisierungsprozesse involviert waren, aus den 1980er Jahren kamen und von daher die Erfahrung mitbrachten, dass man darüber tatsächlich noch Politik machen kann. Selbstverständlich kann man sich aus solchen politischen Prozessen raus halten. Es ist heute noch ein Stück einfacher geworden, als es damals war, Alternativstrukturen aufzubauen und Kommunikationskanäle offen zu halten. Eine globale Vernetzung ist heute tatsächlich möglich, ohne dass man sich in das organisierte politische Feld hinein begeben muss. Aber wenn man auf einer praktischen Ebene in Gesetzgebungsverfahren eingreifen möchte oder in die Art und Weise, wie Förderstrukturen organisiert sind und staatliche Fördergelder vergeben werden, dann muss man auch in diesem politischen Feld operieren können. Wenn man dagegen einfach nur eine Facebook- Gruppe gründet und sagt, das ist jetzt meine Form von Aktivismus und das reicht mir, dann braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn das Geld woanders hin fließt und politische Entscheidungen kurzfristig, populistisch und pragmatisch ausfallen. Der Grad an politischer Einflussnahme ist für Leute, die glauben, dass man sich im Netz irgendwie unabhängig machen kann, aus meiner Sicht viel geringer als jener der sozialen Bewegungen der 1970er und 80er Jahre. Das wäre, glaube ich, ein Bereich, in dem man von den damaligen Protagonist/innen viel lernen könnte. Ich vermute aber, dass dieser Wille zur Politik in den Netzkulturen der 1990er Jahre heute, zehn bis fünfzehn Jahre danach, schwer nachvollziehbar ist. Ob die Facebook-Revolutionen über die Bildung eindrucksvoller, aber kurzfristiger Konnektive hinaus auch politische und gesellschaftliche Systeme verändern können, muss sich erst noch zeigen.

Ein Teil dieses Politisierungsprozesses ist ja auch ganz konkret in den Medien entstanden, die damals benutzt und weiterentwickelt wurden. Worin siehst Du die historische Bedeutung solcher taktischen Medien heute? Andreas Broeckmann: Taktische Medien sind ja nicht eine bestimmte Klasse von Techniken, sondern taktische Medien sind eine bestimmte Praxis, eine Form der Aneignung von potenziellen Medien. Es geht um das Realisieren von Potenzialen, die in diesen Technologien immer schon stecken, und um die Anwendung dieser Möglichkeiten in einer eigenständigen Praxis. Deshalb ist aus meiner Sicht der Begriff „taktische Medien“ auch gar nicht historisch definiert, sondern bezeichnet tatsächlich eine bestimmte Form der Aneignung; und diese Form der Aneignung passiert heute genauso wie damals. Vielleicht läuft es heute nicht mehr unter diesem Namen, aber es ist das gleiche Prinzip, wenn YouTube oder Vimeo kurzzeitig umfunktioniert werden. Es geht nach wie vor darum, dass Kanäle aufgemacht werden, dass Tools gebaut werden, die für ein halbes Jahr oder eine spezifische Situation Konjunktur haben und dann wieder verschwinden, weil sie ihre Schuldigkeit getan oder ihre Unschuld verloren haben. Das heißt, dass das Konzept von taktischen Medien ganz aktuell ist, wie man ja auch im Zusammenhang mit den Revolutionen in Ägypten, Tunesien oder Syrien sehen kann. Das taktische Potenzial von Medien wird hier genauso ausgelotet wie in der Vergangenheit. Solche Momente hat es mit verschiedenen Medien immer wieder gegeben, dieses Phänomen der schnellen Intervention. Da herrscht heute der gleiche Enthusiasmus wie z. B. 1989, als in Bezug auf Rumänien von einer „Fernsehrevolution“ gesprochen wurde.

Wenn in Kairo Twitter oder Facebook verwendet werden, um damit Demonstrationen zu organisieren, dann handelt es sich ja um die Aneignung von Kommunikationsmitteln, die nicht in der Hand der jeweiligen Protagonist/ innen liegen. Kann man hier überhaupt von taktischen Medien sprechen?
Andreas Broeckmann:
Das kommt drauf an, wie man das Medium definiert. Ich würde vielleicht eher von einer taktischen Medienpraxis sprechen. Der Computer oder auch die Videokamera sind ja nicht per se „taktisch“, aber eine Praxis, welche diese Werkzeuge benutzt, kann sehr wohl taktisch sein. Im Fall von Twitter oder Facebook muss man sich darüber im Klaren sein, dass die Kommunikation über Server läuft, die privatwirtschaftlich betrieben werden und deren Nutzer/innen oft leicht identifizierbar sind. Das heißt, man muss schon recht naiv sein, wenn man glaubt, dass man da selbstbestimmt kommunizieren kann …

… was aber viele tatsächlich glauben.
Andreas Broeckmann:
Taktisch heißt ja nicht unbedingt klug! Außerdem steckt in taktischen Medien nicht automatisch eine ideologische Entscheidung über deren Gebrauch. Auch Neonazis und Turnschuhproduzent/ innen können taktische Medien verwenden.

Zum Schluss noch einmal ein Blick zurück: Was ist Deines Erachtens mit dem Ende von Initiativen wie Public Netbase verloren gegangen? Was lässt sich aus deren Geschichte für unsere eigene, zunehmend vernetzte Zukunft lernen?
Andreas Broeckmann:
In der Rückschau wird die Netbase bestimmt dafür bedeutsam sein, dass sie einen Raum aufgemacht hat, wo Diskussion über wichtige Themen in Zusammenhang mit den digitalen Medien geführt werden konnten, einen echten Debattenraum also. Auf der einen Seite haben die Aktionen der Netbase im öffentlichen Raum dafür gesorgt, dass gewisse Themen auf die Spitze getrieben wurden. Auf der anderen Seite wurde aber auch ein online-Raum für alle möglichen freien Kulturprojekte geschaffen und über viele Jahre verteidigt. Natürlich war das auch eine Dienstleistung, die letztlich vom Staat getragen wurde, ein politischer Auftrag in gewisser Weise. Und ich denke, dass das Spannungsfeld zwischen dieser Dienstleistungsfunktion und der eigensinnigen künstlerischen Herangehensweise dann einfach zu groß geworden ist – zum Glück vielleicht, aber eben auch zum eigenen Schaden. Die Leute von der Netbase waren einfach nicht kompromissbereit genug, um sich mit dieser Dienstleistungsfunktion zufrieden zu geben. Das finanzielle Aus war dann wohl eine Konsequenz daraus. Für mich geht es am Ende aber vor allem um die symbolische Bedeutung dieses Niedergangs und die wirklich dramatische Entpolitisierung der Szene, nicht so sehr um die Frage des Scheiterns irgendwelcher Ideale der 1990er. Gerade die netzpolitische Haltung funktioniert ja nicht so, dass es da irgendeine Idee gibt, die sich wie ein Produkt am Markt bewähren müsste oder eben scheitert. Im Gegenteil, solch eine kritische Haltung muss immer wieder neu aufgegriffen und neu erfunden werden.

No query in this session yet. Please use the tag map to the left to get a listing of related items.